Entwicklung des Möbelhandels in Deutschland

Der folgende Text fusst auf Mitschrift vom Vortrag von Rainer Reichenstetter, Bundesfachgruppensekretär für den Bereich Möbelmarkt bei VERDI, gehalten bei der Podiumsdiskussion der Limken am 24.10.11:

Ursprünglich war der Möbelhandel ein regionales Gewerbe: Die einzelnen Anbieter dienten der Versorgung der Bevölkerung; die Gebiete wurden aufgeteilt und es verstieß gegen die Innungsehre, im Gebiet eines anderen Händlers ansässig zu werden. Die Waren wurden lokal produziert, aus einheimischen Rohstoffen zumeist, lokal vertrieben und hielten häufig mehrere Generationen lang. Zweiggeschäfte waren die Ausnahme, Ketten unbekannt.

Dies änderte sich in den 70er Jahren, als ein neuer Möbelstil und Distanz zu den Vorfahren gepaart mit erheblichemn Einkommenszuwächsen zu einer verstärkten Nachfrage führte. Regional tätige Ketten entstanden.

In den 80er Jahren wurde mit dem Eintritt Ikeas in den deutschen Möbelmarkt der erste international tätige Möbelhändler ansässig. Die Ansiedlung erfolgte nun nicht mehr bedarfsorientiert sondern wettbewerbsdienlich. Das Prinzip des Möbeldiscounters war geboren, d.h. Möbel zum Mitnehmen und Selberzusammenbauen (mit entsprechend deutlich verkürzter Lebensdauer). Weitere Discounterketten wie Roller, Dänisches Bettenlager etc entstanden. Möbel werden nicht mehr wwgen notwendigerl Neuanschaffung gekauft, sondern nach Moden. Die Rohstoffegewinnung und auch Endproduktion werden zunehmend an die Ränder Europas (mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion) bzw nach Fernost im weiteren Verlauf verlagert.

In diesem Jahrtausend hat sich die Situation auf dem Möbelmarkt zugespitzt. In Deutschland entstehen große Konzerne mit XXL Lutz (eher in Süddeutschland) und dem Kriegerkonzern (v.a. Höffner, eher in Norddeutschland). Es kommt zu einem offenen Verdrängungswettbewerb. Standorte werden nicht mehr nach Bedarf gesucht, auch nicht unbedingt aus Gewinnmaximierungsgründen sondern zunehmend auch um die Ansiedlung der Konkurrenz zu verhindern. Dieses „Beschlagnahmen“ von Standorten ohne weitere Verwertung wird auch mit dem Schlagwort „Totes Kapital“ bezeichnet, der Vorgang des Ansiedlens in Nähe zu eigenen Geschäften mit entsprechender Betriebsschädigung des Erststandortes als „Kannibalisierung“. Diese Vorgänge werden vom Betrieb als langfristige „strategische Ausrichtung“ bezeichnet.

Nicht verwunderlich erscheint vor dem Hintergrund dieses Geschäftsgebarens, dass das Arbeitnehmerwohl in den Hintergrund tritt: So gibt es bei Krieger typischerweise innerhalb eines Hauses 4 Subunternehmen. (1) Verkaufspersonal, (2) Logistik, (3) Möbelhausrestaurant (Nebenbemerkung: in Österreich ist ein Möbelhändler die Nr.1 in der Gastronomie) (4) Bildungsgesellschaft. Dadurch wird eine Aufspaltung der Belegschaften erreicht, eine betriebliche Organisation wird erschwert und auch nicht geduldet.

Die Bezahlung im Verkauf ist provisionsabhängig. Ein Sockelgehalt von 800€ bei Vollbeschäftigung ist sicher, bis 1450€ führen Provisionen zum Erreichen eines Mindestlohnes; erst danach führen die Provisionen beim Arbeitnehmer zu einem echten Plus. Überstunden, fehlende Rücksicht auf Schonzeiten während der verkaufsintensiven Tage sind damit vorprogrammiert. Interessanaterweise ist bei Ikea die Bezahlung seit wenigen Jahren entsprechend des Tarifmantelvertrages.

 

 

 

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